Wahlbörse zur Landtagswahl in NRW

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Verfahren
Big Data Analysen

Land, Ort
Deutschland, International

Innovationsbereich
Unternehmen

Sprache
Englisch

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Inhaltsverzeichnis

Kurzbeschreibung


Nach der Brexit-Abstimmung in Großbritannien und den Parlamentswahlen in den USA, aber auch nach den jüngsten Landtagswahlen standen Wahlprognosen in der Kritik. Zwar sind beide Abstimmungen denkbar knapp ausgefallen, dennoch wurde den Briten fälschlicherweise ein Verbleib in der Eurozone und den USA Hillary Clinton als Präsidentin vorhergesagt. Dass es anders gekommen ist, ruft neue Ideen zur Verbesserung von Wahlprognosen auf den Plan. „Genauer als Umfragen, spannender als Börse.“ Damit wirbt die Prognosys Bewertungs GmbH für ihre Wahlbörse, an der sich Internetnutzer durch eine Registrierung mittels E-Mail-Adresse beteiligen können. In Kooperation mit dem General-Anzeiger Bonn wurde zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ein entsprechender „Markt“ eingerichtet, in dem Nutzer mit virtuellen „Parteiaktien“ handeln konnten. Gekauft und verkauft werden konnten Aktien von Parteien mit realistischen Chancen auf einen Einzug in das Parlament (SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Die Linke und AfD). Die restlichen Parteien wurden unter „Sonstige“ zusammengefasst.1

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Ein wesentlicher Unterschied von Parteienbörsen zu herkömmlichen Umfragen besteht darin, dass die Initiative der Beteiligung vom Nutzer ausgeht und nicht zahlenmäßig beschränkt ist. Außerdem sieht das Konzept keine Befragung der Teilnehmer vor, welche Partei sie wählen würden. Vielmehr werden die Chancen der Parteien aus ihrem „Marktwert“ abgeleitet, der sich aus den Transaktionen ergibt. Aus dem Handel der Akteure mit den Parteiaktien stellen sich analog zu Aktienmarkten Kurse ein, die bereits bei mehreren Wahlen realistische Prognosen lieferten. Um den Anreiz zur (ernsthaften) Teilnahme zu erhöhen, kann neben virtuellem auch echtes Geld eingesetzt werden. Durch geschickte Transaktionen auf Basis eines früh- bzw. rechtzeitigen Erkennens von Veränderungen des politischen Stimmungsbildes kann – wie auch an Aktienbörsen – durch Spekulationen Gewinn erzielt werden.

Tatsächlich scheint das Konzept der Wahlbörse vielversprechende Ergebnisse zu liefern. Der mittlere absolute Fehler (MAF, d. h. um diesen Betrag lagen die Teilnehmer durchschnittlich bei jeder einzelnen Partei falsch) betrug bei NRW-Landtagswahl 0,68, wenn man die Kurse des Wahltages mit dem tatsächlichen Ergebnis vergleicht. Aber auch der Prognosewert der Wahlbörsen muss sich vor renommierten Umfragen keinesfalls verstecken. Der MAF der Kurse vom 15.03.2017, also genau zwei Monate vor der Wahl, lag bei 2,46, die Forsa-Umfrage vom gleichen Tag wies einen durchschnittlichen Fehler von 2,63 auf. Weiterhin sei auf den Mehrwert der sich ständigen aktualisierenden Prognosen hingewiesen. Während Umfragen nur zu festen Zeitpunkten durchgeführt werden, liefern Wahlbörsen ein laufendes politisches Stimmungsbild im Vorfeld einer Wahl. Durch die Darstellung als Zeitreihe lassen sich im Nachhinein auch entscheidende Wendungen in der Wählergunst gut analysieren.2

Einordnung


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Das Beispiel ist dem Dossier 3 zuzuordnen. Durch die Zusammenführung mehrerer verschiedener Prognosen von interessierten Spielern entsteht Vorhersagewissen, das es – wie die Vergleiche zeigen – mit etablierten Wahlumfragen aufnehmen kann. Die Durchdringungstiefe der Wissensschöpfungskette ist als Prozess zu betrachten. Im Vorfeld einer Wahl liefern die Kurse der Wahlbörse eine sich ständig aktualisierende Schätzung des Stimmungsbildes einer Wahl.

Parteiaktien werden laufend gekauft und verkauft, wodurch die Spieler vollständig untereinander interagieren. Auf Basis dieser Interaktionen bilden sich die Parteienkurse und somit die Prognosen der Wahlergebnisse.

Das Beispiel ist von mittlerer Komplexität. Die Implementierung von Börsensystemen stellt bei der Nutzung bestehender Software-Systeme keine große Herausforderung dar. Etwas komplexer erscheint dagegen die Verhinderung von Missbrauch. Parteien könnte versuchen, durch das Hochtreiben des eigenen Kurses das Stimmungsbild zu beeinflussen. Die Entwickler betonen, auf solche Vorgänge reagieren zu können, ohne ihre Maßnahmen genauer zu spezifizieren.

Kritische Betrachtung


Der Erfolg gibt den Anbietern der Wahlbörse gewissermaßen recht. Die kollektive Vorhersagekraft der teilnehmenden Spieler war in der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen solide und konnte es zu fast jedem Zeitpunkt mit den Ergebnissen von Umfragen aufnehmen bzw. hat diese häufig übertroffen. Allerdings muss die Verhinderung missbräuchlicher Nutzung unbedingt sehr sorgfältig berücksichtigt werden, um eine Einflussnahme von Parteien auf die Kurse und somit vielleicht sogar indirekt auf das Wahlverhalten der Bürger zu verhindern.

Ähnliche Beispiele


In Deutschland wurden im Jahr 1994 erstmalig Wahlbörsen zur Bundestagswahl verwendet, eine wurde an der Universität Passau durchgeführt und eine zweite als Gemeinschaftsprojekt mehrerer deutscher Universitäten. Wie die ZEIT berichtete, auch damals schon mit Erfolg: „Das Ergebnis: Schlechter als die Demoskopen waren die Börsianer nicht.“3

Die Idee der Wahlbörse hat ihren Ursprung in den USA. Die Iowa State University sagte so bereits im Jahre 1988 das Ergebnis der Präsidentschaftswahl mit eindrucksvoller Genauigkeit voraus.4

Mögliche Anwendungsfälle


Das Beispiel der Wahlbörse für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen sowie bereits in der Vergangenheit implementierte Wahlbörsen zeigen, dass Prognosemärkte über eine hohe Vorhersagekraft verfügen. Im Gegensatz zu Umfragen braucht es aber einen größeren Anreiz, damit Bürger sich daran beteiligen. Wenn es um die Vorhersage von Wahlen geht, haben politisch interessierte Teilnehmer ein hohes Interesse am Ausgang der Wahl selbst. Zur Vorhersage anderer zukünftiger Ereignisse liegt die Herausforderung darin, ausreichend viele Teilnehmer zu finden. Gleichwohl lässt sich das Beispiel übertragen auf Anwendungsfälle, die oben bei den Prediction Markets für Adidas kurz aufgeführt sind.

Quellen


  1. ^ Eyermann, Bernd; Norden, Christina, 2017: Jetzt wird mit Parteiaktien gehandelt. Zugriff: http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/politik/nrw/Jetzt-wird-mit-Parteiaktien-gehandelt-article3508535.html [abgerufen am 25. 8. 2017].
  2. ^ Prognosys Bewertungs GmbH, 28. 8. 2017; Wahlbörse Landtagswahl Nordrhein-Westfalen am 14.05.2017. Zugriff: https://boerse.prognosys.de/markt/ltw-nrw-2017.
  3. ^ Drösser, Christoph, 21. 10. 1994: Weit besser als Kaffeesatz. Zugriff: http://www.zeit.de/1994/43/weit-besser-als-kaffeesatz [abgerufen am 28. 8. 2017].
  4. ^ Iowa Electronic Markets, 28. 8. 2017: What is the IEM? Zugriff: https://tippie.biz.uiowa.edu/iem/media/summary.html.

Bildquelle: https://boerse.prognosys.de/charts/ltw-nrw-2017 [abgerufen am 29.05.2018]

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