Co-Produktion von Sportanlagen

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Inhaltsverzeichnis

Zugrundeliegendes Bedürfnis


In den letzten Jahren verbreiteten sich zunehmend Apps und Internet-Plattformen, die auf den Trend „Digital Health“ setzen. Sie motivieren den Nutzer, alleine oder auch in selbstorganisierten Gruppen („Communities“) mehr oder weniger vorgegebenen Übungsplänen zu folgen und diese zu tracken. Zu solchen Apps zählen beispielsweise Freeletics, Madbarz, Nike Training oder Tribesports.

Anders als traditionelle Sportvereine setzen diese Entwicklungen auf ein hoch individualisiertes Training, aus dem sich entsprechend individuelle zeitliche und räumliche Nutzungen nicht nur dedizierter Sportanlagen, sondern auch von Parks, Tiefgaragen usw. ergeben. Nach dem Motto „The world is my gym“ eignen sich die Freizeitsportler den öffentlichen Raum an, wobei der Einfallsreichtum praktisch keine Grenzen kennt. Fußballtore auf Bolzplätzen und Klettergerüste auf Spielplätzen werden für Klimmzüge genutzt, Parkbänke für Dips und Begrenzungsmauern für Parkour-Übungen. Gelegentlich werden Anträge gestellt, etwa auf die Errichtung neuer Sportgeräte (z. B. am Korbinianplatz in München) oder zur Nutzung von Bezirkssportanlagen. Oft geschieht die „Zweckentfremdung“ aber ad hoc.

Immer wieder kommt es deshalb zu Konflikten, wer bestimmte Räume und Geräte nutzen darf und zu welchem Zweck. Soll eine Sportstätte ausschließlich den Vereinen vorbehalten bleiben oder kann auch eine geteilte Nutzung mit Individualsportlern angestrebt werden? Welche Geräte müssen hierfür neu beschafft werden? Sollen in einem Park gezielt Geräte für Freeletics & Co aufgestellt werden und wie soll deren voraussichtliche Nutzung bewertet werden, gerade mit Blick auf mögliche Hypes, die in wenigen Monaten wieder verschwinden?

Beschreibung des Anwendungsfalls


Der Anwendungsfall basiert auf dem Gedanken des „Social Media Monitoring“, der beispielsweise dem „Brandwatch Sparkassen-Finanzportal“ in Dossier 3 aus Leistungsbaustein 1 zugrunde liegt. Das Ziel der Anwendung soll sein, die Bedürfnisse der Bürger zu identifizieren, den Bau von Sportanlagen sowie die Raumplanung daran zu orientieren und somit die Bedürfnisse besser zu befriedigen und Konflikte zu vermeiden.

Als Grundlage zur Wissensgewinnung und Entscheidungsfindung könnte ein Algorithmus entwickelt werden, der automatisiert Daten zu Sportgewohnheiten und der Nutzung von Gemeinschaftsflächen wie Parks und öffentlichen Plätzen sammelt. Dafür werden Social Media wie Facebook-Posts, Tweets und Instagram Einträge genutzt. Die Anwendung durchsucht alle Einträge, die mit räumlichen Angaben oder einer Ortungsfunktion in der Kommune und im Umkreis hochgeladen wurden. Zusätzlich werden die Daten anhand von Schlüsselwörtern validiert, die sich beispielsweise auf bestimmte Hashtags beziehen, um die Posts noch weiter nach Relevanz zu filtern. Die verbleibenden Einträge werden analysiert, um Nutzungs- oder Konfliktsituationen auszumachen.

Zusätzlich kann diese automatisierte Datengewinnung bzw. -analyse durch Online-Umfragen ergänzt werden, in denen die Bürger zu potenziellen Konfliktsituationen und ihren Bedürfnissen nach Sportmöglichkeiten befragt werden. Mithilfe all dieser Daten wird ein Stimmungsbild der Bevölkerung gebildet, aufgrund dessen die Sportbedürfnisse der Bürger ausgewertet werden. Die Stadt orientiert sich bei der Planung neuer Sportanlagen an diesem Stimmungsbild und beugt durch proaktive Planung möglichen Konfliktsituationen vor.

Einordnung des Anwendungsfalls


Der Anwendungsfall kann den Aufgaben „Impulse für die Daseinsvorsorge“ und „Neue Wege des Mitplanens“ zugeordnet werden. Als technologiegestütztes Verfahren wird eine Social-Media-Analyse benötigt, welche eventuell durch Online-Umfragen unterstützt werden kann.

Bewertung des Anwendungsfalls


Der Anwendungsfall erfordert auf der Stufe der Datenintegration einen hohen technischen Aufwand, um relevante Beiträge auf diversen Plattformen zu sammeln, zu filtern und, wenn möglich, unmittelbar auszuwerten. Dazu ist ein effizienter Algorithmus notwendig, der das Internet möglichst schnell durchforstet. Der Aufwand, um so ein Verfahren erstmals zu entwickeln, ist sehr hoch. Zudem ist eine regelmäßige Überprüfung und Anpassung erforderlich. Einerseits können sich Schnittstellen oder relevante Webseiten verändern, andererseits neue Trends aufkommen und so die Schlagworte einer Überarbeitung und Erweiterung bedürfen.

Die Sicherstellung der Datenqualität ist aufwändig und kann nicht immer gewährleistet werden. Bei Beiträgen mit Ortsangabe kann diese für die räumliche Zuordnung verwendet werden; ohne Ortsangabe ist eine Suche nach Schlagworten wie z. B. dem Namen der Kommune notwendig. Allerdings können bei diesem Raster eigentlich relevante Tweets ausgeschlossen werden oder unwichtige Beiträge mit aufgenommen werden. Zudem besteht die Gefahr einer Verzerrung in den Daten. Kritik wird häufiger und nachdrücklicher geäußert als Lob. Eine manuelle, neutrale Einordnung und Gewichtung der Beiträge ist somit nötig, die vollständige Automatisierung kaum denkbar.

Ein großes Problem bei dieser Art der Datengenerierung ist die Repräsentativität. Es werden nur Daten aus Social Media gesammelt und ggf. durch Online-Umfragen unterstützt. Personengruppen, die das Internet nicht verwenden, also meist ältere Menschen, werden unzureichend berücksichtigt. Diese sind aber häufig aktive Nutzer des öffentlichen Raumes und können somit in Konfliktsituationen verwickelt sein, z. B. wenn es um die Nutzung von Parkbänken geht. Wird die Datengenerierung nicht zusätzlich von Offline-Umfragen unterstützt, sind die gewonnenen Daten nicht repräsentativ.

Auf menschliche Einschätzungen kann weiterhin kaum verzichtet werden, wenn es darum geht, Manipulationen zu vermeiden. Wissen Bürger davon, dass ihre Kommune auf ein derartiges Verfahren zur Entscheidungsfindung zurückgreift, könnten sie vermehrt Beiträge schreiben und die Situation übertreiben, damit ihre Meinung berücksichtigt wird. Eine solche Rückkopplung muss von Beginn an mitbedacht werden. Dies erfordert für die Bewertung der Beiträge mindestens eine Kenntnis der Gegebenheiten vor Ort und gegebenenfalls auch Expertise zum Erkennen von Manipulation etwa durch automatisierte Einträge („Social Bots“) und Fake-Profile. Es gilt, größtmögliche Gewissheit zu erlangen, dass ein eventuelles Handeln der Kommune von einer relevanten Menge von Bürgern befürwortet ist und nicht nur auf einer Einzelmeinung basiert.

Gelingt es jedoch einer Kommune, mithilfe neuartiger technologischer Lösungen einen solchen „Entscheidungsprozess 2.0“ zu etablieren, so eröffnen sich damit vielfältige Anwendungsmöglichkeiten auch in Bezug auf andere relevante Themen. Im Idealfall lassen sich sehr frühzeitig Stimmungsbilder und sich anbahnende Konflikte ausmachen, sodass proaktiv eingegriffen und gegengesteuert werden kann.

Da Daten aus Social Media gesammelt werden, ist eine direkte Partizipation der Bürger nicht erforderlich. Die Kommune greift gleichwohl ihre Beiträge auf und nimmt sie im Entscheidungsprozess ernst. Die Transparenz bei der Entscheidungsfindung ist jedoch unumgänglich. Die Kommune muss erklären, wie die Datengrundlage zustande kam und welche Konfliktsituationen sie aus welchen Gründen ausmachen konnte. Sonst wird selbst innerhalb der Organisation kaum Akzeptanz für eine derartige neue datenbasierte Entscheidungsmethode zu schaffen sein.

Stellt man außerdem die Bürger vor vollendete Entscheidungen, so werden diese wohl kaum widerspruchslos akzeptiert. Je offener Ergebnisse kommuniziert werden, desto höher ist das Vertrauen. Kann ein klar definiertes Verfahren bei der Entscheidungsfällung etabliert werden, so lassen sich weitere Konflikte wie auch womöglich unnötige Investitionen in langfristig nicht genutzte Sportanlagen vermeiden.

Bezogen auf die Interaktion zwischen kommunaler Organisation und Zivilgesellschaft stellt sich die Frage, in welchem Umfang neue Formen der sportlichen Raumaneignung im privaten oder im öffentlichen Raum heute und zukünftig stattfinden, ob diese damit überhaupt hoheitliche Aufgaben der Kommunen betreffen und wie relevant es für die Kommune deshalb überhaupt ist, sich damit intensiver zu befassen. Geht es dabei um die Bereitstellung von öffentlichen Sportflächen oder eher um den Gedanken einer zunehmend individualisierten Nutzung von öffentlichen Flächen? Die öffentliche Hand kann auf die neuen sportlichen Aktivitäten und Räume unterschiedlich reagieren – je nachdem, welches Steuerungsverständnis und -interesse sie hat: Versteht die Kommune sich als Versorger von Sportflächen gegenüber den Bürgern? Muss die Kommune die Sicherheit von sportlich genutzten Räumen gewährleisten? Möchte die Kommune neue Anreize schaffen, Sport zu treiben und damit die Gesundheit zu fördern? Oder geht es darum, sportlich und kulturell innovativen Gruppen Raum zu geben und diese als Standortpotenzial zu nutzen?

 Ebene des AnwendungsfallsEbene der OrganisationEbene der Zivilgesellschaft
RelevanzVielfältige weitere AnwendungsmöglichkeitenErleichterte EntscheidungsfindungErhöhtes Vertrauen der Bürger
Schnellere HandlungsmöglichkeitenVermeidung von Konflikten
NutzbarkeitDatenintegrationMenschliche Einschätzung weiterhin erforderlichKeine besonders herauszustellende Nutzbarkeit
Verfahrensentwicklung
Regelmäße Überprüfung/Anpassung
Datenqualität
Repräsentativität

Nutzbarkeit und Relevanz auf den drei Kriterien-Ebenen als Ergebnis der qualitativen und quantitativen Bewertung des Anwendungsfalls „Co-Produktion von Sportanlagen“

Fazit


Insgesamt ist der Aufwand des Anwendungsfalls insbesondere auf der Ebene der technischen Implementierung als hoch anzusehen. Der erwartete Nutzen ist etwas geringer, liegt jedoch auch in erster Linie auf der Ebene der technischen Implementierung, da das Verfahren insgesamt als neuartige Variante der Ermittlung von Bürgerbedürfnissen und -wünschen dienen könnte. Eine alleinige Nutzung eines derartigen Social Media Monitoring zur Entscheidungsfindung ist nicht anzuraten, weil die Relevanz gegenüber herkömmlichen Verfahren den hohen Aufwand nicht rechtfertigt; als begleitendes Verfahren ist der Ansatz jedoch nutzbar.

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